Architektur der Pflege am Beispiel der Pflegewohngruppe Adlergarten09.05.16

Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland steigt seit Jahren und die meisten Studien und Prognosen, die sich mit diesem Thema beschäftigen, gehen angesichts einer älter werdenden Gesellschaft weiterhin von einem kontinuierlichen Zuwachs aus. Damit einhergehend stellt sich die Frage, wie unsere Gesellschaft die Pflege und Lebensgestaltung vor allem auch älterer Pflegepatienten und an Demenz erkrankter Menschen organisieren kann. Welche Konzepte und Lösungsansätze können einem vielfach prognostizierten „Pflegenotstand“ entgegenwirken? Und welche Rolle kann eine Architektur der Pflege hierbei einnehmen, in Zusammenspiel mit weiteren Akteuren?

Laut Statistischem Bundesamt betrug 2013 die Zahl der im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes pflegebedürftigen Menschen 2,63 Millionen. Dies sind rund 125.000 mehr als 2011, was einem Zuwachs von 5 Prozent entspricht. Bis 2020 gehen die staatlich bestellten Statistiker von einem weiteren Anstieg auf rund 2,9 Millionen Pflegebedürftige aus, der sich auch darüber hinaus fortsetzen werde.

2013 waren insgesamt 83 Prozent der Pflegebedürftigen 65 Jahre und älter, mehr als ein Drittel hatte bereits das 85ste Lebensjahr überschritten. Gerade bei älteren Menschen ist die Demenzerkrankung eine häufige Ursache für Pflegebedürftigkeit. Die Deutsche Alzheimergesellschaft veröffentlichte hierzu 2014 einen Überblick und spricht von 1,5 Millionen an Demenz erkrankten Menschen in Deutschland. Sie geht davon aus, dass ihre Zahl jährlich um rund 40.000 steigen werde.

Die Mehrheit der Pflegebedürftigen wird derzeit von den eigenen Angehörigen im häuslichen Umfeld betreut, ggf. unterstützt von ambulanten Pflegediensten. Auch heute schon ist dies für die Betroffenen oftmals keine einfache Situation. Angesichts der allgemeinen Bevölkerungsentwicklung sowie veränderten Erwerbsbiografien und Familienstrukturen dürften die Möglichkeiten einer häuslichen Pflege innerhalb der Familie in Zukunft abnehmen – bei gleichzeitig wachsendem Bedarf. Viele Experten gehen davon aus, dass der künftige Pflegebedarf durch eine stationäre Unterbringung in Pflegeheimen nicht aufgefangen werden kann. Dies entspricht zudem auch oftmals nicht dem Wunsch von pflegebedürftigen Menschen und ihren Angehörigen.

Die Pflegewohngruppe Adlergarten in Eichstetten

Neue Lösungsansätze und Konzepte sind also gefragt. Sie werden auch bereits eingesetzt und erprobt. Als Beispiel hierfür stellen wir im Folgenden den Adlergarten in Eichstetten vor, eines unserer eigenen Projekte, das in den letzten Jahren unter den Aspekten einer Architektur der Pflege seinen Modellcharakter bewiesen hat und auch schon für andere Kommunen als Referenz für deren Planungen diente.

Das Konzept der Pflegewohngruppen

Dem Adlergarten zugrunde liegt das Konzept der Pflegewohngruppe (auch Pflegewohngemeinschaft), welches bereits seit rund 30 Jahren vor allem in Frankreich und der Schweiz Anwendung in der Alten- und Behindertenpflege findet. Auch in Deutschland entstanden in den 1990er Jahren erste Pflegewohngemeinschaften. Nach der Jahrtausendwende setzte sich das Konzept dann vermehrt durch.

Das Konzept der Pflegewohngruppe richtet sich an alte oder behinderte Menschen, die dauerhaft auf fremde Hilfe angewiesen sind. Ein wesentlicher Unterschied zum Pflegeheim ist die geringe Größe der Pflegewohngruppe, meist ungefähr 6 bis 10 Bewohner, die eine intensivere Betreuung und vor allem den Einbezug der Bewohner in die alltäglichen Aufgaben des Zusammenlebens ermöglicht. Hierdurch wird die Selbstbestimmung und Eigenständigkeit des Einzelnen so lange wie möglich unterstützt und gefördert.

Gerade für Demenzkranke bietet das Konzept der Pflegewohngruppe besondere Vorteile gegenüber einer Unterbringung im Pflegeheim. Denn meist steht bei ihnen nicht die medizinische Pflege im Vordergrund, sondern sie sehnen sich vor allem nach Geborgenheit. Wichtig sind das Miteinander mit anderen Menschen und das Gefühl von Heimat.

Neben medizinischen, sozialen und natürlich auch finanziellen Belangen spielt daher die Gestaltung und funktionale Aufteilung der Wohnungen bzw. Gebäude eine wesentliche Rolle. Sie muss den Bedürfnissen der Bewohner entsprechen und sowohl Raum für Begegnung als auch Rückzugsmöglichkeiten bieten. Wie eine solche Architektur der Pflege aussehen kann, zeigen wir im Folgenden am Beispiel des Adlergartens.

Praxisbeispiel: Die Pflegewohngruppe Adlergarten in Eichstetten

Die Gründung der Pflegewohngruppe Adlergarten erfolgte gewissermaßen als logischer nächster Schritt nach dem Bau der Seniorenwohnanlage Schwanenhof in Eichstetten, die Frey Architekten einige Jahre vorher gemeinsam mit Kommune und Bürgerschaft realisiert haben.

Eine Zielsetzung der Seniorenwohnanlage Schwanenhof war, den älteren Einwohnern von Eichstetten auch bei zunehmender Hilfsbedürftigkeit ein Leben in ihrem gewohnten Umfeld zu ermöglichen. Hierüber haben wir im Blogbeitrag „Soziale Architektur am Beispiel der Seniorenwohnanlage Schwanenhof in Eichstetten“ ausführlich berichtet.

Mit zunehmendem Alter der Bewohner des Schwanenhofs stieg auch deren Hilfs- bzw. Pflegebedürftigkeit. Das Konzept des betreuten Wohnens und der Nachbarschaftshilfe, welches von der Bürgergemeinschaft Eichstetten im Schwanenhof vorbildlich umgesetzt wird, kam hier an seine Grenzen. Die naheliegende Konsequenz, ältere Bewohner des Schwanenhofs mit schwerer demenzieller Erkrankung und wachsendem Pflegebedarf an ein stationäres Pflegeheim abzugeben, war jedoch unbefriedigend. Denn gerade die Unterbringung in einem Heim sollte ja durch den Schwanenhof vermieden werden.

2004 entschloss man sich daher, die ursprünglichen Ziele der Bürgergemeinschaft weiterzuentwickeln und eine Antwort auf die Frage zu finden, wie den Menschen mit Demenzerkrankung ein weiterer Aufenthalt in der Gemeinde Eichstetten ermöglicht werden kann.

Als Lösung wurde die Errichtung einer Pflegewohngruppe mit 24-Stundenbetreuung gefunden. Die Verantwortung für den Betrieb der Pflegewohngruppe übernahm die Bürgergemeinschaft. In die notwendige Planung sowie in die Finanzierung des Projektes durfte sich erneut das Architekturbüro von Architekt Wolfgang Frey einbringen. Heute bietet der Adlergarten für bis zu 11 an Demenz erkrankten Menschen ein zu Hause.

Nachdem die Grundstückssuche, die Frage der Finanzierung und auch der rechtliche Rahmen für den Betrieb der Pflegewohngruppe geregelt waren (was hierbei zu beachten war, finden Sie ausführlicher beschrieben in unten genanntem Buch zur Architektur der Pflege), ging es an die bauliche Planung.

Um den Bedürfnissen der Demenzkranken gerecht zu werden orientierte sich diese am „Prinzip der Häuslichkeit“. Für Architekt Wolfgang Frey war dazu eine Durchmischung der Wohnungen wichtig, nicht zuletzt, um eine Ghettoisierung zu vermeiden. Neben der Pflegewohngruppe im Erdgeschoss gibt es weitere Wohnungen im Haus, die zwar barrierefrei gebaut jedoch nicht in erster Linie als Wohnungen für Menschen mit Behinderung gedacht sind.

Architektur der Pflege mit öffentlichen, privaten und intimen Räumen

Die Räumlichkeiten der Pflegewohngruppe selbst wurden klassisch gestaltet nach dem Prinzip öffentlicher, privater und intimer Raum. Es gibt einen öffentlichen Gemeinschaftsraum mit integrierter Großküche von dem halbprivate Flure abzweigen, die den Zugang zu den einzelnen Zimmer und Bädern erschließen. Jeder Bewohner des Adlergartens hat ein eigenes Zimmer, in das er sich nach Wunsch zurückziehen kann.

Der Aufbau der Pflegewohngruppe gleich damit einem Organismus. Im Zentrum steht der Leib: die Küche und der Gemeinschaftsraum, in dem sich das aktive Leben abspielt. Daran angeschlossen sind zwei Arme mit sogenannten Erschließungsfluren, die links und rechts zu jeweils vier Zimmern führen.

Architektur der Pflege: Grundriss Pflegewohngruppe Adlergarten

Bauliche Gestaltung: Auf die Details kommt es an

Eine bedarfsorientierte Architektur der Pflege muss neben der grundsätzlichen funktionalen Struktur auch sehr auf Details achten. Gerade sie tragen den Bedürfnissen der Bewohner in besonderer Weise Rechnung. So sind die Flure in der Pflegewohngruppe Adlergarten so angelegt, dass ein Rundweg durch die Wohnung möglich ist und keine Sackgassen entstehen, die Aggressionen hervorrufen können. Da Demenzkranke oftmals einen hohen Bewegungsdrang haben und gerne an der Wand entlang gehen, besitzen die Flure zudem eine leicht konische Form, die diesem Bedürfnis entgegenkommt.

Der Gemeinschaftsraum ist optisch durch eine große Glasfront zum Garten hin geöffnet. Über die gesamte Fläche wurde ein zusätzliches Vordach integriert, das eine Art Übergangszone schafft. Es hat eine Schutzfunktion und mildert für die Bewohner den Übergang von Innen nach Außen ab. Denn ältere Menschen mit Gebrechen sind emotional oftmals eher gehemmt, die Übergangszone vereinfacht für sie den Schritt vom gemütlichen Gemeinschaftsraum hinaus in den Garten.

Der Garten als geschützter Raum für Demenzkranke

Der Garten ist eine Mischung aus Hausgarten und Park. Auch hier gibt es einen Rundweg für Spaziergänge der Bewohner. Tische und Stühle laden bei gutem Wetter zum Verweilen ein, so dass die Bewohner im Sommer hier oft in Gruppen zusammen sitzen. Da der Garten in einem Innenhof liegt, besitzt auch er eine Schutzfunktion. Gleichzeitig wird verhindert, dass Bewohner das Gelände unbeabsichtigt verlassen und sich verirren.

Lärm fördert allgemein Aggressivität, was bei Demenzkranken besonders zum Tragen kommt. Trotz seiner zentralen Lage im Ort ist der Garten sehr ruhig. Für besseren Schallschutz in der Wohnung und den Zimmern wurde beim Bau der Wohnung eine Schallschutzdecke eingezogen.

Integrativ Leben: Wohnküche und Gruppenraum

Zentrum der Pflegewohngruppe bildet der Gemeinschaftsraum mit integrierter Großküche. Ein großer Esstisch ermöglicht gemeinsame Malzeiten und Aktivitäten. Die Küche als Bestandteil des Gemeinschaftsraumes fördert die Beteiligung der Bewohner an den täglichen Aufgaben, wie der Zubereitung der Malzeiten. Ergänzt wird die Einrichtung des Gemeinschaftsraumes durch eine gemütliche Sitzecke mit Sofa.

Weitere Informationen zur Pflegewohngruppe Adlergarten:

https://www.freyarchitekten.com/projekte/349_adlergarten.html

http://www.buergergemeinschaft-eichstetten.de/Adlergarten.html

 

Buchtipp:

The New Architecture for Nursing Facilities
Die neue Architektur der Pflege
Bausteine innovativer Wohnmodelle
Wolfgang Frey, Thomas Klie, Judith Köhler
Einleitung von Wolfgang Schäuble

Verlag Herder GmbH, ISBN 978-3-451-30733-1

Mehr Informationen hier >>

Soziale Architektur und Architektur der Pflege

Kontakt und Beratung für Gemeinden:

Frey Architekten, Freiburg
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E-Mail: info@architekten-frey.de

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