Soziale Architektur am Beispiel der Seniorenwohnanlage Schwanenhof in Eichstetten02.09.15

Wie Stadtplanung und Architektur durch neue Ansätze und Wohnmodelle einer sich ändernden Gesellschaft Rechnung tragen können.

Unsere Gesellschaft verändert sich. Und mit ihr die Aufgabenstellungen an Politik, Planung und Architektur, die allen Bürgern ein menschenwürdiges und lohnenswertes Leben ermöglichen sollen. Bereits seit etlichen Jahren sinkt die Zahl der Gesamtbevölkerung, während gleichzeitig der Anteil älterer Menschen und damit auch der Betreuungs- und Pflegebedarf steigen.

Nach Prognosen des Statistischen Bundesamtes wird im Jahr 2060 jeder dritte Deutsche älter als 65 sein und es werden doppelt so viele 70-Jährige leben als Kinder geboren werden. Insbesondere wächst auch der Anteil der sogenannten Hochbetagten in der Gesamtbevölkerung an. Die Zahl der Personen, die 80 Jahre oder älter sind, wird von derzeit rund 4,3 Millionen auf voraussichtlich 10,2 Millionen im Jahr 2050 steigen. Dann wären etwa 14 Prozent der Bevölkerung, also jeder siebente, 80 Jahre oder älter.

Altenwohnanlage Schwanenhof

Diese Entwicklung wirft zahlreiche Fragen und Problemstellungen auf: Wie können wir in einer immer älter werdenden Gesellschaft gute Lebensbedingungen für alle schaffen bzw. erhalten? Wie kann notwendige Unterstützung im Alltag und in der Pflege für ältere Menschen organisiert und finanziert werden? Gibt es alternative Modelle zu häuslicher Pflege und der Unterbringung in Alten- bzw. Pflegeheimen, um langfristig die Versorgung älterer Menschen zu gewährleisten und ihnen gute Lebensumstände zu sichern? Und wie können Planung und Architektur hier einen Beitrag leisten?

Verschärft wird das Problem der Versorgung älterer und hilfsbedürftiger Menschen durch das weit verbreitete Aufbrechen klassischer Familienverbände. Immer seltener wohnen mehrere Generationen am selben Ort oder gar unter einem Dach wie es früher noch üblich war. Innerhalb der Familie kann oftmals schon aufgrund der räumlichen Distanzen keine direkte Verantwortung füreinander übernommen werden. Vor allem jüngere Menschen zieht es – häufig beruflich bedingt – in die großen Städte und Ballungsräume. In ländlichen Gemeinden schrumpfen vielerorts die Einwohnerzahlen und nicht selten kommt hier eine besonders ausgeprägte Überalterung der Bevölkerung hinzu.

Auch die Gemeinde Eichstetten sah sich mit diesen Entwicklungen konfrontiert und suchte bereits Mitte der 90er Jahre nach Wegen, um ihren älteren Mitbürgern eine gute Lebensperspektive zu bieten und gleichzeitig den Zusammenhalt der Bürgerschaft und die Attraktivität Eichstettens als Wohn- und Arbeitsort zu fördern.

Rund 20 Jahre später lässt sich der eingeschlagene Weg sicherlich als Erfolgsmodell bezeichnen. „Wir sind dem demographischen Wandel einen Schritt voraus und haben so den Vorteil, auf ihn als Herausforderung gut reagieren zu können“, betont Bürgermeister Micheal Bruder. Wie dies in Eichstetten geschafft wurde, verdeutlichen die Planung und Umsetzung der Seniorenwohnanlage „Schwanenhof“ und der Pflegewohngruppe „Adlergarten“. Der „Generationenvertrag“ wurde hierbei neu gedacht und mit Leben gefüllt – sicherlich mit Modellcharakter auch für andere Städte und Gemeinden, die im ländlichen Raum vor den Herausforderungen des demographischen Wandels stehen.

Die Seniorenwohnanlage Schwanenhof – ein Projekt mit Modellcharakter

Eichstetten am Kaiserstuhl ist ein für Südbaden typisches Winzerdorf. Eine ländliche Gemeinde mit rund 3.000 Einwohnern und ebenso wie viele andere Gemeinden im ländlichen Raum mit den oben genannten Entwicklungen konfrontiert. Bereits in den 90er Jahren sah der damalige Bürgermeister Gerhard Kiechle eine entstehende Versorgungslücke in der Betreuung der älteren Mitbürger voraus, die allein durch professionelle Pflegekräfte vor Ort nicht mehr gedeckt werden konnte.

Soziale Architektur - altersgerecht wohnen

Ein naheliegender Lösungsansatz, die Errichtung einer neuen Seniorenwohnanlage durch einen Investor und professionellen Betreiber, fiel aufgrund der geringen Gemeindegröße aus. Das rechne sich nicht, so die einhellige Auskunft der angefragten Institutionen. Also musste ein anderer Weg gefunden werden. Hierbei orientierte sich Eichstetten am Ideal des „Bürgerschaftlichen Engagements“, was schließlich in der Gründung der „Bürgergemeinschaft“ als eigenständiger Institution in der Rechtsform eines eingetragenen Vereins mündete. Der integrative Charakter kommt bereits in der Vereinssatzung zum Ausdruck, der sich über den Betrieb der Seniorenwohnanlage hinaus erstreckt und deutlich die Ziele einer Förderung der gesamten Dorfgemeinschaft benennt:

„Zweck des Vereins ist die Förderung der Alten-, Behinderten- und Jugendhilfe, Verständigung der Generationen untereinander, sowie die Förderung der Verantwortung der Dorfgemeinschaft für soziale Fragen…“.

Mittlerweile bietet die Bürgergemeinschaft Hilfe für betreutes Wohnen zuhause und in der Seniorenwohnanlage Schwanenhof an sowie zweimal die Woche eine Tagesbetreuungsgruppe für Ältere, eine Kernzeitbetreuung für Schulkinder und sie hat darüber hinaus auch in der später hinzugekommen Pflegewohngruppe „Adlergarten“ wesentliche Aufgaben bei der Betreuung demenzkranker Menschen übernommen.

Dies kommt nicht nur den älteren Menschen zugute. Durch das Engagement der Bürgergemeinschaft entstanden auch zahlreiche familientaugliche Beschäftigungsmöglichkeiten, die Eichstetten wiederum attraktiver machen als Wohnort für junge Familien.

Mit der Gründung der Bürgergemeinschaft besann man sich auf die Tradition der Selbstverwaltung der Gemeinden als Solidargemeinschaft zurück, bei der die Gemeinde ihre „Sorgeaufgabe“ mittels Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung eigenständig übernimmt.

Voraussetzung für die Akzeptanz und nicht zuletzt für den Erfolg des eingeschlagenen Weges war die frühe Einbeziehung der gesamten Bürgerschaft. Die Bürger von Eichstetten wurden bereits in der Planungsphase zum Schwanenhof intensiv eingebunden. Wichtig für den langfristigen Betrieb der Seniorenwohnanlage war zudem die Bereitschaft für eine enge Zusammenarbeit von professioneller medizinischer Pflege durch den örtlichen Pflegedienst und haushaltsnaher Betreuung durch Mitglieder und Mitarbeiter der Bürgergemeinschaft. Auch dies ist keine Selbstverständlichkeit.

Eine weitere Hürde, die es zu meistern galt, stellte die Finanzierung der geplanten Seniorenwohnanlage Schwanenhof dar. Nachdem externe Investoren nicht interessiert waren, übernahmen Wolfgang Frey als beauftragter Architekt die finanzielle Verantwortung für den Bau des Schwanenhofs und trat als Investor ein. Es wurde ein detaillierter Finanzierungsplan erstellt, der eine Refinanzierung der benötigten Investitionen durch die langfristigen Mieteinnahmen sicherstellte. Das zum Bau vorfügbare Budget orientierte sich von vorherein am Refinanzierungspotenzial und wurde bei der Planung entsprechend berücksichtigt.

Soziale Architektur – an den Bedürfnissen der Menschen orientiert

Der Schwanenhof ist ein Lebensraum, der zum Verweilen einlädt. Der Aspekt der Integration, als zentraler Leitgedanke bei der Planung des Schwanenhofs, wurde bereits bei der Wahl des Standortes berücksichtigt. Die Seniorenwohnanlage wurde ganz bewusst nicht, wie oftmals üblich, am Ortsrand geplant, sondern sollte mitten im Ortskern entstehen. Getreu dem Credo: Wenn der Mensch nicht mehr zum Leben kommen kann, muss das Leben zum Menschen kommen.

Denn es liegt in uns begründet, dass wir anderen Menschen gern begegnen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Frey Architekten sehen es daher als eine zentrale Aufgabe der Architektur, Räume für Begegnung zu schaffen. Und dies gilt in ganz besonderem Maße, wenn es um die Gestaltung von Lebensräumen für ältere Menschen geht. Soziale Architektur muss einer Vereinsamung aktiv gegenwirken.

Diesen Anspruch unterstützen die funktionale Planung der Gebäudenutzung und die ausgefeilten Baubesonderheiten, die den Schwanenhof bis heute auszeichnen. Die Seniorenwohnanlage wurde wie ein kleines Dorf konzipiert, um die Gefahr der Isolierung von Bewohnern auf ein Minimum zu reduzieren. Der Grundriss des Erdgeschosses ist in mehrere Baukörper gegliedert, die erst durch die darüber liegenden Etagen verbunden sind.

Im Erdgeschoss sind Gewerbeflächen vorhanden, die Öffentlichkeit schaffen, ebenso wie die Integration des Grundstücks in den örtlichen Verkehrsraum. Der Schwanenhof verbindet den Ortskern mit einem dahinterliegenden Wohngebiet. Die Durchgänge im Schwanenhof werden beispielsweise von vielen Kindern für den Schulweg genutzt.

Wohnanlage - Integration im Ortskern

Die Überbauungen ähneln Arkaden, die geschützte Bewegungsflächen entstehen lassen. Der Wechsel von offenen, großzügig geschnittenen Bewegungsräumen und niedrigeren Zonen trennt öffentlichen, halböffentlichen und privaten Lebensraum, wobei jeder Raum im Schwanenhof übersichtlich und mit Ausblicken gestaltet wurde, so dass es keine dunklen unwirtlichen Ecken gibt. Neben den Geschäften im Erdgeschoss beherbergt der Schwanenhof auch das Bürgerbüro sowie einen Gemeinde- und Gemeinschaftsraum, wodurch die Seniorenwohnanlage nochmals mehr im dörflichen Leben verankert wird.

Das menschliche Bedürfnis nach sozialen Kontakten und der Anspruch einer sozialen Architektur, diese mit baulichen Maßnahmen zu fördern, spiegeln sich auch in der Gestaltung der Seniorenwohnungen selbst wider. Nur drei der behindertengerecht und barrierefrei ausgestalteten Wohnungen im Schwanenhof besitzen einen eigenen Balkon. Den Bewohnern steht stattdessen ein großzügiger Dachgarten mit Laubengängen und Sitzgelegenheiten zur Verfügung. Der Dachgarten ist öffentlich zugänglich, aus Sicht der Passanten jedoch halbprivat. So wird er seiner Aufgabe als Schutzraum für pflegebedürftige Menschen gerecht, ermöglicht und fördert jedoch gleichzeitig die Begegnung zwischen Menschen.

Bei der Realisierung des Projektes Schwanenhof mussten etliche Hürden überwunden werden. Der Betrieb durch die Bürgergemeinschaft musste über die Jahre wachsen und auch für Frey Architekten stellte die intensive Beteiligung der Bürger bereits in der Planungsphase neue Herausforderungen dar. Herausforderungen und Erfahrungen, die gemeistert wurden und in den letzten Jahren bei weiteren Projekten im Bereich der sozialen Architektur Einfluss fanden.

Nach mehr als anderthalb Jahrzehnten Betrieb stellt sich der Schwanenhof als echte Alternative zu anderen Ansätzen für Wohnen im Alter dar, wie nicht zuletzt ausführliche Interviews mit Bewohnern und Mitarbeitern anlässlich der Publikation des Buches „Die neue Architektur der Pflege“ belegen.

Mehr zum Thema:

ARCHITEKTUR DER PFLEGE AM BEISPIEL DER PFLEGEWOHNGRUPPE ADLERGARTEN

Buchtipp:

The New Architecture for Nursing Facilities
Die neue Architektur der Pflege
Bausteine innovativer Wohnmodelle
Wolfgang Frey, Thomas Klie, Judith Köhler
Einleitung von Wolfgang Schäuble

Verlag Herder GmbH, ISBN 978-3-451-30733-1

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Soziale Architektur und Architektur der Pflege

Kontakt und Beratung für Gemeinden:

Frey Architekten, Freiburg
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